Im Stadtteil Caballito, in der Straße Puan 480, befindet
sich die Facultad de Filosofía y Letras
(kurz: Filo), die philosophisch-literaturwissenschaftliche
Fakultät der Universidad de Buenos Aires. Das Studieren an dieser berühmtesten
und renommiertesten argentinischen Universität unterscheidet sich sehr stark
von meinen bisherigen Studienerfahrungen in Deutschland und Schottland. Im
Folgenden will ich ein paar Eindrücke des Studienalltags an der Filo festhalten.
Der Ruf
Im Ausland wie unter Argentiniern gilt die UBA
als eine sehr gute Uni, an der sich die besten Dozenten versammeln, doch zugleich ist sie als besonders chaotisch verschrien. Erzählt man einem porteño, man sei Austauschstudentin an der Filo in Puan, erntet man ein bedauerndes Kopfschütteln und die
Aussage, dass es dort ja so chaotisch zugehe, die Verwaltung sei ein Graus.
Und das Gebäude erst - das sei wirklich "muy feo - sehr hässlich"! Aber dann wird doch noch voller Anerkennung hinzugefügt: Die Lehre sei ja an der UBA wirklich exzellent, gute Kurse
gäbe es da usw. Und so ist es auch - die Dozenten bieten Seminare und Vorlesungen zu vielfältigen und interessanten Themen an (so besuche ich Kurse über argentinische Literatur und Kulturindustrie im 20. Jahrhundert und über Kinder- und Jugendliteratur) und sind voller Engagement bei der Sache.
Das Gebäude
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| Stühlelager im Untergeschoss |
Das Gebäude der Filo ist wohl tatsächlich das Schlimmste an
der Sache: Ein zugiger, verschachtelter Kasten, in dem man im
argentinischen Winter fast erfriert -
selbst wenn draußen angenehme Temperaturen herrschen und die Sonne scheint und
man sich schon in alle verfügbaren Kleidungsstücke gehüllt hat. Heizkörper gibt
es hier grundsätzlich nicht und einige der Schiebefenster lassen sich gar nicht
mehr richtig schließen, so dass in manchen Räumen ein kontinuierlicher Luftzug
herrscht. Auch Straßentauben flattern gelegentlich durch die Hörsäle.
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| Plakatsalat im Treppenhaus |
Die Treppenhäuser und Gänge sind bis zum letzten Stück Mauer
mit Plakaten behängt, die entweder auf kulturelle Veranstaltungen und Vorträge oder (das ist meistens der Fall) auf politische Projekte und Protestaktionen hinweisen. Im Eingangsbereich und an der Treppenaufgängen
wird man zusätzlich mit Flyern bombardiert. Würde man alles annehmen, was einem
im Laufe eines Uni-Tags von ungezählten Händen entgegengestreckt wird, käme man mit einer ganzen Tasche
voller Papier zu Hause an.
Im Innenhof, wo die Studenten bei guter Witterung auf ein paar Steinbänken
sitzen, rauchen, reden und Gitarre spielen, befindet sich auch das CEFyL (das Studierendenzentrum der
Fakultät), in dessen Kopierläden man sich das Kursmaterial ausdrucken lässt.
Ein Stockwerk tiefer gibt es eine Art Mensa, die Essen und Getränke zu
sehr günstigen Preisen anbietet. Aber man findet im gesamten Gebäude verteilt
auch genügend Verkaufsstände (oder Leute, die mit einem Korb voll
selbstgemachter Sandwiches in den Fluren stehen), um sich zwischen den Kursen
mit Essen und Getränken zu versorgen.
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| Nur vormittags ist der Innenhof derart ausgestorben - die meisten Vorlesungen und Seminare finden erst nachmittags und abends statt |
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| Fahrradständer... äh, -hänger im Innenhof |
Studieren
Es gibt zwei Arten von Kursen an der Filo: Seminare, die üblicherweise vier Stunden dauern (wenn man
Glück hat nur drei) und Materias,
wobei sich letztere aus einer vierstündigen Vorlesung und einem zweistündigen
Begleitseminar pro Woche zusammensetzen. Für die meisten Austauschstundeten ist
es anfangs eine große Herausforderung, ganze vier Stunden in einer
Veranstaltung auszuharren, die noch dazu in einer Fremdsprache stattfindet, und
den Ausführungen der Dozenten zu lauschen. Die viertelstündige Pause, die zur
Halbzeit eingelegt wird, sorgt jedes Mal für ein erleichtertes Aufatmen.
Erstaunlicherweise scheinen die Dozenten nicht zu ermüden, auch wenn sie
stundenlang reden müssen - sie sind einfach zu begeistert von ihrem Thema.
Politik
An der UBA geht es wesentlich politischer zu als an einer
deutschen Uni. So gehen Studentengrüppchen zur Vorlesungszeit von Hörsaal zu Hörsaal, um ihre Kommilitonen (und die Dozenten) über Veranstaltungen, Kundgebungen, Demonstrationen und vieles mehr zu informieren. Manchmal nehmen diese Besuche aber stark überhand und wenn dann innerhalb einer viertel Stunde die dritte Gruppe die Vorlesung "ganz kurz" unterbrechen möchte, winkt der "Profe" schon mal genervt ab, mit dem Hinweis auf die Stoffmenge, die er heute noch durchbringen möchte. Meist aber werden diese kleinen "Kundgebungen" geduldet, denn sie gehören wie selbstverständlich zum UBA-Alltag.
Die Plakate und Flugblätter, die in der Filo unermüdlich
verteilt und aufgehängt werden, habe ich oben bereits erwähnt. Auf vielen
Plakaten, die an der Fakultät aushängen, ist Mariano Ferreyra (http://www.marianoferreyra.com.ar/) abgebildet, ein 23jähriger Student und Aktivist
der Arbeiterpartei, der 2010 während einer Demonstration vermutlich von
Mitgliedern der Eisenbahngewerkschaft Ferrovaria ermordet wurde. Damals wie heute sorgt der Fall für großes Aufsehen und Empörung
im ganzen Land, außerdem läuft momentan der Gerichtsprozess gegen die
Verdächtigen. Auf den Plakaten in den Hörsälen und Fluren der Uni wird
Gerechtigkeit für Mariano Ferreyra und die Bestrafung der Schuldigen gefordert.
"Facultad tomada - Fakultät besetzt"
Andere Plakate und Flugblätter informieren über UBA-interne
Angelegenheiten, zum Beispiel die Proteste gegen viel zu geringe Stipendienbeträge
($125 Pesos = ca. 20 Euro sollen monatlich für Essen, Fahrtgeld und
Kursmaterial reichen, was schier unmöglich ist) und die prekäre Lage der
Universitätsdozenten. Deswegen wird auch schon mal gestreikt und das
Fakultätsgebäude besetzt, sodass der Unterricht entweder ganz ausfällt oder im Freien
stattfindet.
Momentan ist politische Stimmung an der Filo sogar noch aufgeheizter als sonst, da diese Woche die Wahlen des CEFyL (= hiesiger AStA) stattfinden. Konkret heißt das: Man bekommt noch mehr Flyer aufgedrängt, wird in Gespräche über Frauen- oder Arbeiterrechte verwickelt und die Vorlesungen werden gefühlt alle fünf Minuten unterbrochen, weil die verschiedenen Gruppen ihre Wahlprogramm vorstellen wollen (insgesamt scheint es allen so ziemlich um dieselben Punkte zu gehen: den Zustand und die Nutzung des Fakultätsgebäudes zu verbessern, höhere Stipendienbeträge, verstärkte Mitsprache der Studenten...)
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| Nur die Tafel bleibt frei: Hörsaalplakatierung während der Wahlwoche |
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Drumherum - Die Bar "Mac
Pancho"
Immer wieder ein amüsantes Erlebnis, das noch den tristesten Uni-Tag versüßt: Kaffeeholen im "Mac Pancho", gleich gegenüber der Filo.
"Hola, hermosa, qué tal? - Hallo, meine Schöne, wie
geht's?" schreit der glatzköpfige Barbesitzer hinterm Tresen hervor,
sobald ich die Cafeteria "Mac Pancho" gegenüber der Filo betrete. Seine Gehilfen, fünf oder
vielleicht gar sechs an der Zahl (man verliert hier leicht den Überblick),
gruppieren sich im hinteren Teil der winzigen Bar um den Tresen herum. Einer
eilt sogleich herbei, wenn ein Kunde den Laden betritt und nimmt diensteifrig
die Bestellung entgegen.
"Un
café con leche, por favor", bestelle ich. Einen Milchkaffee. "Un
café con leche por la señorita!",
brüllt der junge Gehilfe seinen Kollegen zu. Die setzen sogleich die
Kaffeemaschine in Gang. Der Chef brüllt nach vorn zu mir: "Más café? -
Mehr Kaffee (als Milch)?" Und da ich noch eine vierstündige Vorlesung vor
mir habe, rufe ich zurück: "Si, más cafe!" Und er bedenkt mich mit
einem Blick, der Stolz ausdrückt - als sei es eine bemerkenswerte Leistung
koffeinbedürftig zu sein: "Bueno, mi hijita!" (etwa: so ist's recht,
Mädchen).